Thomas und die Zweifler


Ein apokryphes Evangelium und sein Widerhall


im Altertum und heute



© Nikolaus Ebbinghaus 2004



Abstract: The Gospel of Thomas, an ancient Text of the coptic Nag-Hammadi-Library, represents the only known complete gospel text outside the New Testament and shows many characteristics hinting to a quite early origin. Nevertheless it´s importance for the very begin-ning of christianity is downplayed by many scholars, particularly in Germany, and all the evidence for it´s early dating is widely ignored. In this article, we are going to show that there can be no doubt that the Gospel of Thomas, which obviously preceded any canonical Gospel, was well known and in use by the writers of the New Testament.




Einleitung



Obwohl das Thomasevangelium schon kurz nach dem zweiten Weltkrieg entdeckt wurde – einzelne Fragmente sind sogar schon länger bekannt – erlangte diese bedeutende frühchristliche Schrift hierzulande bis heute kaum die ihr gebührende Beachtung. Die Ursache hierfür dürfte insbesondere darin liegen, daß die für die theologische Aufarbeitung eigentlich zuständigen Wissenschaftler dieses aus ihrer Sicht ketzerische Werk entweder gleich als unbedeutend abtun oder aber einfach nur ignorieren. Infolgedessen ist dieses Evangelium der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung nicht einmal bekannt.


Dabei wird wohl jeder, der sich dennoch mit dem Thomasevangelium befaßt, von der Einfachheit und Ursprünglichkeit der in ihm enthaltenen Jesusworte überrascht sein, und so mancher wird vielleicht von selbst die Frage stellen, ob diese apokryphe Schrift nicht sogar älter ist, als das, was wir aus dem Neuen Testament kennen.


Möglicherweise stolpert sie oder er dabei früher oder später auch noch über folgendes Zitat:


Jesus sagte: „Ich werde euch geben, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und was keine Hand berührt hat und was in keines Menschen Sinn gekommen ist.“ ( Logion 17)i


Wer sich im Neuen Testament auskennt, wird sich nämlich daran erinnern, daß sich bei Paulus eine nahezu identische Textstelle widerfindet:


„Aber wie geschrieben steht: "Was kein Auge geschaut, kein Ohr gehört, was kein Menschenherz sich je gedacht hat, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben." (1 Kor 2:9)ii


Vor allem der Verweis auf eine andere Quelle sticht ins Auge, und eigentlich kann damit, so sollte man jedenfalls meinen, doch wohl nur das Thomasevangelium gemeint sein. Doch halt! Der Text verweist keineswegs auf Thomas, sondern auf Jesaja 64: 3. Was aber steht dort geschrieben? Der Leser wird zweifellos ein wenig überrascht sein:


„ Hat man doch von alters her nicht gehört noch vernommen, hat doch kein Auge gesehen, daß ein Gott außer dir solches getan für jene, die auf ihn harren.“ ( Jes 64: 3)


Gleich auf den ersten Blick läßt sich feststellen, daß 1 Kor 2: 9 kaum etwas mit Jes 64: 3 gemein hat, dafür aber umso mehr mit Thomas 17. Warum aber dann der Verweis auf Jesaja und nicht auf Thomas?


Die einfachste Erklärung ist auf den ersten Blick natürlich die, daß 1 Kor 2: 9 gar nicht aus Jesaja sondern aus Thomas zitiert. Allerdings sind wir dann gezwungen, dem Verfasser selbst oder zumindest einem späteren Schreiber eine glatte Lüge zu unterstellen. Ein Motiv wäre auch leicht zu finden: Man wollte es einfach nicht wahrhaben, daß der große Völkerapostel aus einer häretischen Schrift zitierte und so war man froh, daß man bei Jesaja zumindest eine etwas ähnliche Textstelle vorfand.


Aber selbst in den modernen Bibelkommentaren stößt man auf Eigenartiges. Mal heißt es, das Zitat entstamme vermutlich einer verlorengegangenen (!) jüdischen Elias-Apokalypse, mal wird lediglich eingeräumt, daß es sich wohl doch nicht um ein Jesaja-Zitat handelt. GOPPELT hingegen beruft sich auf ELLIS, indem er feststellt, das Zitat sei wohl frei aus Bibelstellen zusammengesetzt und stamme nicht aus einer apokryphen Schrift.iii Woher kommt bloß diese Gewißheit? Und warum wird das Thomasevangelium nirgends auch nur erwähnt?


Die Antwort ist schnell gefunden, wenn man berücksichtigt, daß der 1. Korintherbrief wie die anderen sechs, von den meisten Theologen für echt befundenen Paulusbriefe als eins der ältesten christlichen Dokumente überhaupt angesehen wird (manche Radikalkritiker sind da allerdings ganz anderer Meinung, aber das soll hier vorerst nicht interessieren). Denn wenn schon Paulus aus dem Thomasevangelium zitiert hätte, dann wäre ja ausgerechnet dieses apokryphe, noch dazu häretische Schriftstück älter als alles, was die Bibel aufzubringen hat. Also beschließt man, daß nicht sein kann, was nicht sein darf und denkt sich alle möglichen Erklärungen aus, selbst wenn sie noch so absurd erscheinen. Die einfachste und wahrscheinlich auch einzig wahre Lösung hingegen wird nicht einmal in Betracht gezogen.


Wie geflissentlich die Bedeutung außerbiblischer christlicher Quellen gelegentlich heruntergespielt wird, dafür liefert auch ERLEMANN in seinem Werk Endzeiterwartungen im frühen Christentum ein ganz besonders anschauliches Beispiel. So verlegt er in einem Verzeichnis der außerbiblischen Literatur im Anhang die Verfassung des Thomas-Evangeliums ganz lapidar in die „Mitte des 2. Jh. n. Chr.“iv, im Text selber ist hingegen schlicht vom „2. Jh.“ die Rede.v


Geht man dieser scheinbar harmlosen Ansetzung indes genauer nach, dann fällt es schwer, hier noch an ein simples Malheur zu glauben, denn hier ist mit großer Wahrscheinlichkeit wohl auch so etwas wie Absicht im Spiel! Zugegeben, dies ist ein massiver Vorwurf, dem hier aber einmal genauer nachgegangen werden soll.


Tatsächlich besitzen wir ja ein Papyrus-Fragment des Thomasevangeliums, welches in der Literatur zumeist auf das Jahr 140 datiert wird, wenngleich gelegentlich auch andere Angaben gemacht werden, wie etwa 120, 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts, 2. Jahrhundert usw. Die exakteste und wohl auch sicherste Bestimmung für jenes Fragment, genannt Papyrus Oxyrhynchus 655, lautet indes 140, und es ist nicht recht zu verstehen, warum ERLEMANN es hier nicht so genau nimmt und einfach zehn Jahre hinzu addiert.


Schließlich verrät ERLEMANN ja auch einige detaillierte Kenntnisse über das Thomasevangelium, er zitiert daraus in seinem Buch und vergleicht die eschatologischen Aussagen mit denen anderer frühchristlicher, auch apokrypher, Quellen. Man kann somit auch nicht argumentieren, die apokryphe Literatur stelle hier nur einen unbedeutenden Nebenschauplatz dar. Zudem ist eine korrekte Datierung der genannten Schriften durchaus von erheblicher Bedeutung, da ERLEMANN die verschiedenen Endzeiterwartungen ja ausdrücklich vergleichend nebeneinander stellt. Darum listet er die verwendeten Quellen im Anhang seines Buches auch noch gesondert auf, jeweils mit Datierung versehen, während er sich dieselbe Arbeit bei den kanonischen NT-Schriften spart.


Wie aber ist diese Vorgehensweise zu erklären?


Offensichtlich wird hier eben das vorausgesetzt, was von sogenannten radikalkritischen Theologen als normative paradigmvi bezeichnet wird. Gemeint ist, daß es unter den Theologen so etwas wie eine stille Übereinkunft gibt, gewisse Zeitangaben zur Entstehung der einzelnen Schriften des NT schlicht als gegeben anzusehen und sie nicht weiter in Frage zu stellen, womit natürlich auch die Notwendigkeit einer Begründung entfällt. Geht es hingegen um nichtkanonische Literatur, so verfährt man eben ein wenig strenger, schließlich will man die Autorität des Arbeitgebers, der sich allein auf die kanonischen Schriften beruft, nicht in Frage stellen.


Aber ist unsere Kritik an ERLEMANN nicht vielleicht doch ein wenig zu kleinlich? Was machen denn schon 10 Jahre? Durchaus nicht, denn bei genauerem Hinsehen ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu sagen, daß die wirkliche Entstehungszeit des Thomasevangeliums wohl eher noch weiter zurück zu datieren ist!


Allein der archäologische Befund deutet ja, wie schon gesagt, darauf hin, daß eine Datierung nach 140 schon gar nicht mehr möglich ist. Wäre demnach eine Datierung auf exakt 140 zweckmäßig? Nehmen wir den archäologischen Befund einmal genauer unter die Lupe!


Oxyrhynchus war eine antike, hellenistische Siedlung an einem westlichen Seitenfluß des Nils, der heute „Bahr Yusef“ („Kanal Joseph“) genannt wird. In antiker Zeit gab es dort Stadtmauern, befestigte Straßen, einen Serapis-Tempel und sogar ein Theater mit 11 000 Plätzenvii.


Heute ist von diesem Ort jedoch so gut wie nichts mehr zu sehen, da die Bauten nach und nach abgetragen und die Steine – wie im antiken Orient allgemein üblich - für die Errichtung anderer Gebäude anderswo „recycelt“ wurden. Dennoch wurden um den Ort Oxyrhynchus herum zahlreiche Papyrus-Fragmente entdeckt, und zwar in verschiedenen Mülldeponien!


So stießen die Forscher auch auf zahlreiche Relikte profaner Literatur, aber auch auf alltägliche Schriftstücke wie Quittungen, Verzeichnisse usw. Es wurden auch weitere Fragmente des Thomasevangeliums entdeckt, nämlich die Papyri Oxyrhynchus 1 und Oxyrhynchus 654, welche etwa auf die Jahre 220 und 280 datiert werden.


Die Bedeutung dieser Fakten für unsere Untersuchung aber liegen nun recht eindeutig auf der Hand:

Das Thomasevangelium ist, zumindest den archäologischen Befunden nach, durchaus als eine der allerältesten frühchristlichen Quellen überhaupt anzusehen, zumal wir vom NT, wie wir später noch sehen werden, auch keine älteren Papyri vorweisen können. Damit aber ist die Bedeutung dieses apokryphen Evangeliums für die Jesusforschung sicherlich viel höher einzustufen als dies in der theologischen Forschung (leider) immer noch der Fall ist.


Mehr noch, eine Datierung des Thomasevangeliums auf exakt 140 würde bedeuten, daß diese bedeutende frühchristliche Schrift ausgerechnet in einem relativ unbedeutenden Städtchen in Ägypten entstand! Klingt dies nicht eher unwahrscheinlich?


Immerhin ist wohl nicht ganz auszuschließen, daß die Schrift anderswo verfaßt und bald darauf kopiert, transportiert und möglichst rasch verbreitet wurde. Als Entstehungsort käme dann insbesondere Alexandria in Betracht, das geistig-intellektuelle Weltzentrum jener Epoche; allerdings hätten dann gleich mehrere Umstände zusammenfallen müssen, was eine solch späte Datierung doch sehr unwahrscheinlich erscheinen läßt. Viel näher liegt doch da die Annahme, das Thomasevangelium sei eben doch früher entstanden, wenngleich sich damit auch noch nichts genaueres sagen läßt.


Interessanter Weise fanden sich in Oxyrhynchus auch zahlreiche kanonische NT-Fragmente, von denen die allermeisten deutlich jüngeren Datums sind (zumeist aus dem 3. Jahrhundert oder noch später), nur ganz wenige stammen wie das erwähnte Fragment des Thomasevangeliums ebenfalls aus dem 2. Jahrhundert, kein einziges jedoch aus dem ersten!viii


Überhaupt sei hier einmal darauf hingewiesen, daß das Thomasevangelium aus archäologischer Sicht das ohne Zweifel mit am frühesten belegte Zeugnis des Frühchristentums überhaupt darstellt. Es existiert bislang nur ein einziges NT-Fragment, welches mit 120-150 ähnlich früh oder vielleicht sogar noch ein wenig früher datiert wird: Das sogenannte Fragment p52, welches möglicherweise ebenfalls aus Oxyrhynchus stammt, wenngleich sich dies heute wohl nicht mehr feststellen läßt. Es enthält auf beiden Seiten Verse aus Johannes 18 und zwar jeweils 31-33 und 37-38. Allerdings ist das Fragment arg beschädigt und die Verse mußten mühsam rekonstruiert werdenix.


Somit erscheint es auch nicht völlig sicher, daß es sich hierbei wirklich um einen Teil des Johannesevangeliums handelt, zumal die entdeckten Verse lediglich Material über die Verurteilung Jesu durch Pilatus enthalten. In der Forschung gilt es aber als wahrscheinlich, daß diese Berichte früher unabhängig von den Evangelien zirkulierten, und letztere erst später aus verschiedenen Materialien zusammengefügt wurden. Trotzdem ziehen manche Theologen den, wie ich meine, voreiligen Schluß, daß p52 zumindest indirekt belegt, daß die anderen Evangelien noch früher verfaßt worden sein müssen, da das Johannesevangelium ja von einer Mehrheit der Theologen als das jüngste aus dem NT angesehen wird.


Ein anschauliches Beispiel für die Thomas-Rezeption in Deutschland und das Messen mit zweierlei Mass liefert insbesondere auch GOPPELT, der beim NT äußerst wohlwollend verfährt. So wird etwa das Enstehen der Apostelgeschichte (und damit auch des Lukas-Evangeliums) ohne nähere Begründung recht großzügig auf etwa 80 datiertx, womit GOPPELT sogar noch zehn Jahre vor dem theologisch-wissenschaftlichen mainstream in unserem Lande legtxi.


Andererseits wird in GOPPELTs weit über 600 Seiten langen Theologie des Neuen Testaments für die gesamte christliche Jesusüberlieferung außerhalb des NT kaum mehr als eine einzige Seite verschwendet, wobei er dieses umfangreiche Schrifttum auch noch in einen großen Topf wirft und in wenigen Sätzen als sekundär, von der synoptischen Tradition abhängig und gnostisch abqualifiziert, womit auch schon alles über deren Wert und Verwendbarkeit für die Jesusforschung gesagt ist. Besonders vielsagend, um nicht zu sagen verräterisch, ist aber folgendes GOPPELT-Zitat:


„Nur eines der bisher editierten Evangelien enthält Überlieferungen, die weit über diese gnostischen Kreise zurückreichen, nämlich das Thomasevangelium. Es bietet eine Aufreihung von Sprüchen, Gleichnissen und Jüngerbelehrungen, jedoch keine Erzählungen und vor allem keine Passions- oder Ostergeschichte. Die vorliegende Gestalt dieses Evangeliums ergab sich aus gnostischen Bedürfnissen; aus einer Jesusüberlieferung synoptischer Art wurde alles Leibhafte ausgeschieden, es blieben nur Jesu Worte. Verglichen mit den Synoptikern sind diese Worte meist gnostische Abwandlungen und Ergänzungen, zum Teil aber wirken Sprüche und Gleichnisse hier ursprünglicher. [...]


[...] ergibt ein Vergleich der apokryphen Evangelien und Evangelienfragmente mit den Synoptikern insgesamt: Die apokryphe Überlieferung ist weithin von den synoptischen Evangelien abhängig und erweist sich ihnen gegenüber traditionsgeschichtlich so gut wie durchweg sekundär.“xii


Nehmen wird die Vorgehensweise von GOPPELT einmal genauer unter die Lupe: Zunächst kommt er auf die apokrypen Schriften als Ganzes zu sprechen, wobei er ausdrücklich die Nag Hammadi Bibliothek erwähnt und auch das Evangelium Veritatis beim Namen nennt. Dieses könnte von Valentinus stammen, einem bedeutenden gnostischen Lehrer aus dem 2. Jahrhundert. Dabei handelt es sich allerdings um kein Evangelium nach unserem heutigen Verständnis, als Quelle zur Jesusforschung taugt es demnach nicht, was auch GOPPELT hervorhebt.


Was das Thomasevangelium angeht, so räumt er aber immerhin ein, daß es auch ältere Überlieferungen enthalten könnte und daß einige Jesusworte daraus sogar ursprünglicher klingen, als bei den Synoptikern. Trotzdem wirft er das Thomasevangelium mit anderen apokryphen Evangelien, die nach unserem Verständnis eigentlich gar keine sind, in einen Topf und fällt darüber das gleiche, geradezu vernichtende Urteil.


Dabei ist auch unbedingt noch hinzuzufügen, daß GOPPELT anscheinend auch nicht davor zurückschreckt, die Tatsachen aufs Gröbste in ihr Gegenteil zu verdrehen. Die meisten Forscher, die sich intensiv mit dem Thomasevangelium befaßt haben, ziehen nämlich genau den umgekehrten Schluß: Sie halten in den meisten Fällen die Version des Thomasevangeliums für die ursprünglichere, zumindest aber wird diese Traditionslinie als eigenständig und unabhängig anerkannt.


Daß GOPPELT von allen Forschern, die seine eigene Ansicht nicht teilen, überhaupt nur KÖSTER kurz erwähnt, um ihn sogleich abzutun, mag viele seiner Leser, die möglicherweise auch gar nichts anderes lesen wollen, vielleicht nicht einmal stören; andere jedoch, die sich über die Tatsachen informieren wollen, werden indes in die Irre geleitet. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man nämlich noch einige weitere Ungereimtheiten, und das auf weniger als zwei Seiten!


So bleibt GOPPELT uns auch den Nachweis schuldig, warum das Thomasevangelium alles Leibhafte ausgeschieden hat, und nicht umgekehrt. Könnte es nicht auch so gewesen sein, daß vielmehr die Synoptiker das Spruchgut aus einem Spruchevangelium wie dem Thomasevangelium oder auch Q aufgegriffen und mit erzählerischen Elementen versehen haben, wie es durchaus von zahlreichen Wissenschaftlern vertreten wird?


Damit aber nicht genug. So gebraucht GOPPELT hier auch noch das Wörtchen sekundär in einer abschätzigen Weise, die eigentlich nur als Augenwischerei bezeichnet werden kann. Ist sich die Forschung denn nicht schon längst darin einig, daß keines der kanonischen Evangelien von einem Augenzeugen verfaßt worden ist und es sich gemeinhin um allein der Verkündigung dienende, einander zum Teil grob widersprechende rekonstruierte Darstellungen handelt, denen so gut wie kein historisches Gewicht beigemessen werden kann? Trotzdem heftet GOPPELT ausgerechnet dem Thomasevangelium das Etikett „sekundär“ an, um es in seiner Bedeutung für die Forschung zu schmälern!


Wie aber steht es wirklich um dieses einzigartige Zeugnis des Frühchristentums, die noch dazu für die Jesusforschung die wohl einzige ernst zu nehmende außerkanonische Quelle überhaupt darstellt? Eben dieser Frage wollen wir in diesem Beitrag nachgehen.




1. Beten und Fasten bei Thomas und den Synoptikern


Ob oder wie – das ist hier die Frage!


Es ist bekannt, daß etwa die Hälfte aller Logia aus dem Thomasevangelium in ähnlicher Gestalt auch bei den Synoptikern aufzufinden sind, darüber hinaus finden sich auch noch einige Agrapha und weitere Textstellen, die zumindest mittelbar auf eine gewisse Nähe zum NT schließen lassen. Von besonderem Interesse sind hierbei aber gerade auch jene Zitate, in denen ausdrücklich Antithesen zur Theologie des NT formuliert werden. Ein solcher Fall liegt insbesondere in den Logia 6 und 104 vor, in denen eine dem NT widersprechende Haltung gegenüber dem Beten, Fasten und Almosengeben ausgedrückt wird:


Seine Jünger fragten ihn; sie sagten zu ihm: „Willst du, daß wir fasten? Und auf welche Weise sollen wir beten? (Und) Almosen geben? Und welche Speise(--Vorschriften) sollen wir beachten?“ Jesus sagte: „Lügt nicht! Und das, was ihr haßt, tut nicht. Denn enthüllt ist alles vor dem Himmel. Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden wird, und es gibt nichts Verdecktes, das ohne Enthüllung bleiben wird.“ (Logion 6)

Dasselbe Thema wird bekanntlich auch in der sogenannten Bergpredigt variiert (Mt 6), wo Jesus seine Anhänger vor Heuchelei warnt und zur Aufrichtigkeit ermahnt. Tatsächlich nähren gleiche, bzw. ähnliche Motive die Vermutung, daß hier eine gewisse Verwandtschaft zwischen beiden Texten vorliegt. So warnt Jesus bei Thomas vor der Lüge, bei Matthäus hingegen vor Heuchelei. Zudem ist in Mt 6:6 und Mt 6: 18 vom Vater im Verborgenen die Rede, dem nichts entgeht.

Dennoch besteht das Matthäusevangelium darauf, daß der Gläubige Beten, Fasten und Almosengeben als religiöse Pflichten zu verrichten hat und gibt darüber hinaus auch einschlägige Ratschläge, insbesondere wird auch das Vaterunser aufgeführt. Bei Thomas hingegen wird nicht klar, ob man überhaupt beten, fasten oder Almosen geben soll; der Gläubige wird offenbar auf sich selbst gestellt.

Läßt sich damit aber auch sagen, welche Fassung von beiden die ältere, ursprünglichere ist? Mehr noch, läßt sich anhand beider Textstellen vielleicht sogar eine Abhängigkeit beider Texte voneinander nachweisen?

Zunächst läßt sich immerhin feststellen, daß das Thomasevangelium die weitaus kürzere Version liefert, zudem lassen sich keinerlei Hinweise finden, daß Thomas hier auf Matthäus zurückgegriffen haben könnte. So fehlt beispielsweise auch der Begriff „Heuchler“, der als besonders charakteristisch für Matthäus angesehen werden kann, außerdem ist bei Thomas nirgends von einer Synagoge oder gar einem stillen Kämmerlein die Rede.

Hat demnach „Matthäus“ also von „Thomas“ abgeschrieben?xiii Sicherlich ist es für eine solche Aussage noch zu früh, denn das Argument, Thomas liefere die kürzere und damit wohl auch ursprünglichere Fassung, reicht hierzu sicher nicht aus. Offensichtlich stehen wir hier vor dem Dilemma, daß beide Möglichkeiten nicht ganz auszuschließen sind, weshalb wir uns mit dem Thema noch eingehender auseinander setzen müssen.

Zunächst sei darauf hingewiesen, daß alle Synoptiker darin übereinstimmen, daß Beten und Fasten zu den religiösen Pflichten gehören, was auch in anderen Textstellen untermauert wird. So zieht sich Jesus in Mk 6:46 sogar selbst auf einen Berg zurück, um zu beten und in Mk 9: 29 treibt er einem Knaben einen unsauberen Geist aus mit dem Hinweis, solche Geister könnten nur durch Beten und Fasten ausfahren. Matthäus liefert, wie bereits erwähnt, bekanntlich das Vaterunser und in Lk 18 wird sogar ein vollständiges Gleichnis tradiert, „daß man allezeit beten und nicht nachlassen sollte“ (Lk 18:1).

Somit wird klar, daß die Synoptiker sich ausdrücklich zum Gebet bekennen und lediglich beim Wie zu gewissen Einschränkungen bereit sind. Thomas hingegen, glaubt man jedenfalls dem Logion 6, stellt es jedem frei, betrachtet das Gebet offenbar nur als eine Art Option. Allerdings existiert ja auch noch ein zweites Zitat im Thomasevangelium, das sich ebenfalls mit der Frage nach dem Beten und Fasten auseinandersetzt:

Sie sagten [zu ihm]: „Komm, laß uns heute beten und fasten.“ Jesus sagte: „Was ist denn die Sünde, die ich begangen habe? Oder worin waren sie mir überlegen? Wenn aber der Bräutigam aus dem Brautgemach kommt, dann sollen sie fasten und beten.“ (Logion 104)

In ähnlicher Gestalt findet sich dieses Zitat auch bei den Synoptikern wieder. So heißt es etwa bei Markus:


Die Jünger des Johannes und die Pharisäer hatten einen Fasttag. Da kamen sie und fragten: "Warum fasten die Jünger des Johannes und der Pharisäer und deine nicht?" Jesus erwiderte ihnen: "Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen weilt? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam ihnen entrissen sein wird. An jenem Tag werden sie fasten.“ (Mk 2:18-20)


Zunächst fällt auf, daß Logion 104 sich leicht in Einklang bringen läßt mit dem Logion 6, das ebenfalls eine kritische Haltung zum Fasten einnimmt. Ganz anders sieht es allerdings bei den Synoptikern aus, die sich ja ausdrücklich für das Fasten aussprechen. Auch hier bietet das Thomasevangelium die kürzere Variante, trotzdem läßt sich daraus allein nicht auf ein höheres Alter schließen. Hierfür ist ein weiteres Eindringen in die Texte vonnöten, kurz, die Frage nach der eigentlichen Bedeutung dieses Zitates.


Nach moderner Auffassung wird hier Jesus mit dem Bräutigam gleichgesetzt und die Hochzeit mit der Zeit seines Wirkens auf der Welt. Solange Jesus auf der Welt war, brauchten seine Anhänger nicht zu beten oder zu fasten. Dies wird vor allem aus dem Lukasevangelium erschlossen, das die Heilsgeschichte in drei Epochen gliedert: Die alte Zeit (Zeitalter Israels bis zu Johannes dem Täufer Lk 16:16), die Jesuszeit und die Zeit der Kirche.


Allerdings fällt es mehr als schwer zu glauben, daß Jesus selbst eine solche Unterscheidung vornahm. Überhaupt wirkt diese Trennung allzu konstruiert, gerade so geeignet, die vorhandenen Widersprüche doch noch halbwegs auszubügeln. In diesem Lichte besehen erscheinen nun auch weitere Texstellen wie die Geisteraustreibung bei Markus oder das Gleichnis in Lk 18 nurmehr wie Bemühungen, das Gesamtbild in gewünschter Weise zu retuschieren.


Dies erscheint auch deshalb seltsam, weil das Gebet ja als Tradition vom Judentum übernommen wurde und es somit eigentlich gar keiner weiterer Betonung dieser Pflicht bedurft hätte. Trotzdem sind sich die drei Synoptiker darin einig, daß man den Leser immer wieder darauf hinweisen muß. Aber wieso?


Diese Frage läßt sich leicht beantworten, wenn wir uns wieder dem Thomasevangelium zuwenden.

Dieses stellt es dem Leser bekanntlich selber anheim, ob, wann und wie der Leser zu beten und zu fasten hat, zudem erweist es sich in dieser Haltung als sehr viel konsistenter als die drei synoptischen Evangelien.


Ist es demnach nicht vielmehr so, daß sich die Synoptiker mit ihrer Haltung ausdrücklich vom Thomasevangelium zu distanzieren suchen? Dies würde selbstverständlich voraussetzen, daß die drei synoptischen Evangelienschreiber das Thomasevangelium bereits kannten und sich mit ihm auseinander setzten. Läßt sich das vielleicht schon jetzt nachweisen?


Was die Haltung des Thomasevangeliums zum Beten und Fasten angeht, so scheint zumindest nichts daran gegen eine frühe Datierung zu sprechen. Auch stoische Denker formulieren gelegentlich eine ähnliche Beziehung zum Heiligen. So schreibt etwa Marc Aurel in seinen Selbstbetrachtungen:


„Das Gebet der Athener: `Regne, regne, lieber Zeus, auf die Felder der Athener und ihre Wiesen!` Entweder muß man überhaupt nicht beten oder so – schlicht und freimütig.“xiv


Für einen Einfluß der Stoa in dieser Frage spricht zudem die Tatsache, daß das Thomasevangelium insgesamt in vieler Hinsicht durch die Stoa geprägt zu sein scheint. So wird etwa im Logion 77 Jesus mit dem All gleichgesetzt:


Jesus sagte: „Ich bin das Licht, dieses, das über allen ist. Ich bin das All; das All ist aus mir herausgekommen. Und das All ist zu mir gelangt. Spaltet ein Holz(--Stück), ich bin da. Hebt den Stein auf und ihr werdet mich dort finden.“ (Logion 77)

Der Begriff des Alls korrespondiert hier stark mit dem der Allnatur der Stoiker, zudem tauchen an verschiedenen Stellen Anklänge an die platonische Ideenlehre an, was ebenfalls auf starke hellenistische Einflüsse schließen läßt. In dieser Hinsicht steht das Thomasevangelium auch den Lehren des Silvanus nahe, ebenfalls einer Schrift aus der Nag-Hammadi-Bibliothek, die gleichfalls stark von der jüdischen Weisheitsliteratur beeinflußt wurde.xv


Trotzdem läßt sich eine direkte Abhängigkeit zwischen dem Thomasevangelium und der Stoa in dieser Frage nicht unmittelbar nachweisen, wenngleich eine Verwandschaft durchaus naheliegt. Aber selbst wenn der Nachweis geführt werden könnte, so würde dies sicher noch keine frühe Datierung des Thomasevangeliums nachweisen, weshalb wir gezwungen sind, uns auf die Suche nach weiteren Hinweisen zu begeben.


So etwa in der sogenannten Elias-Apokalypsexvi, einer jüdischen Offenbarungsschrift, in der die Vorgänge um die Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 geschildert werden. Eine bestimmende Figur dieser Schrift ist ein sogenannter Antichrist, auch als „Sohn der Gesetzlosigkeit“ bezeichnet, die von DETERING mit Paulus identifiziert wird.xvii Darüber hinaus werden aber auch andere Widersacher genannt, sogenannte Betrüger, die das Fasten ablehnen, weil es nicht von Gott stamme. Der Text begegnet diesen Widersachern mit einem kurzen Hymnus, der das Fasten als gottgegeben, heilend und Dämonen austreibend verherrlicht.xviii


Erinnern wir uns: Hatte Jesus nicht im Markusevangelium Dämonen ausgetrieben und dabei auf die Heilsamkeit des Beten und Fastens verwiesen? Angsichts dieser begrifflichen Übereinstimmung erscheint ein Zufall kaum wahrscheinlich. Zudem stimmen die meisten Theologen darin überein, daß das Markusevangelium nach der Zerstörung des Tempels entstand und stark von diesen Vorgängen geprägt wurde. Aber sind mit den Betrügern auch wirklich jene gemeint, die hinter dem Thomasevangelium standen?


Dies würde bedeuten, daß diese Gruppierung noch vor dem Fall des Tempels auftauchte und damit noch vor der Verfassung der meisten Schriften des NT!xix Einige Hinweise scheinen dafür zu sprechen, so etwa auch Logion 12, in welchem Jakobus der Gerechte von Jesus selbst zum Nachfolger bestimmt wird. Vom jüdischen Historiker Flavius Josephus (37 – ca. 105) wissen wir nämlich, daß die Steinigung des Jakobus im Jahr 62 erheblich zum Aufruhr beitrug, was schließlich in den römisch-jüdischen Krieg mündete und im Fall des Tempels endete.


Demnach erscheint es durchaus denkbar, daß es sich bei den gegen das Fasten eingestellten „Betrügern“ der Elias-Apokalypse um Vertreter dieser Gruppierung gehandelt haben könnte, so daß auch die Datierung des Thomasevangeliums noch vor der der Synoptiker nahe liegen würde. Allein, ein Nachweis ist damit noch nicht geführt, weshalb wir uns in den folgenden Kapiteln noch weiter auf die Suche nach Belegen begeben wollen.




2. Der verworfene Eckstein


Wie gelangte der Quader auf den Weinberg?



Schon seit langem kommen selbst eingefleischte Gegner einer frühen Datierung des Thomasevangeliums wie unter anderem ja auch GOPPELT nicht umhin, einzuräumen, daß diese aus ihrer Sicht häretische Schrift hier und da ursprünglicher wirkt als ihre kanonischen Gegenstücke und sogar die Möglichkeit, daß einzelne Logia, die nicht bei den Synoptikern auftauchen, tatsächlich authentisch sind, wird zumeist nicht ausgeschlossen.


Trotzdem haben solche doch auch anerkennenden Worte keineswegs dazu geführt, daß das Thomasevangelium in Forschung und Lehre im deutschsprachigen Raum einen ihm gebührenden Stellenwert erlangt hätte. Meist wird dieses Evangelium einfach außen vorgelassen oder eben in wenigen Sätzen abgewickelt. Somit hat man sich aber auch die Auseinandersetzung um die Datierung dieser bedeutenden nichtkanonischen Quelle des Frühchristentums einfach erspart mit der Folge, daß sie niemand einzuordnen weiß.


Das häretische, von vielen auch als „gnostisch“ verschriene Thomasevangelium scheint für viele deutschsprachige Theologen auch so etwas wie ein heißes Eisen darzustellen, das man lieber nicht anrührt. Nur so läßt es sich wohl erklären, daß diese bedeutende Quelle kaum genutzt wird.


Ein wenig anders sieht es da im angelsächsischen Sprachraum aus, wo das Thomasevangelium schon seit vielen Jahren eifrig erforscht und heftig diskutiert wird. Besonders hervorzuheben ist hierbei DAVIES, der nun schon seit einiger Zeit eine Thomas-Homepage betreibtxx und eine Reihe von Arbeiten zu diesem Thema veröffentlicht hat.


In diesem und im nächsten Kapitel wollen wir indes insbesondere auf einen Beitrag von ihm zu sprechen kommen, der der Frage nach der Datierung auf akribische Weise nachgeht und dabei zu recht eindeutigen Ergebnissen gelangt, welche die Forschung eigentlich hätte grundlegend beeinflussen müssen, tatsächlich aber mangels Beachtung kaum für Furore sorgten.xxi


Zunächst hebt DAVIES hervor, daß zwischen Thomas und Markus offensichtlich eine enge Beziehung besteht. So finden sich von 36 Jesusworten bei Markus 21 auch bei Thomas (58%) und nicht weniger als 8 der 9 Parabeln aus dem Markusevangelium kommen auch im Thomasevangelium vor (89%). Zudem macht DAVIES darauf aufmerksam, daß die Logia aus dem Thomasevangelium bei Markus fast immer gehäuft auftreten.


Somit gelangt DAVIES zu dem Schluß, daß diese Häufungen vermutlich nicht zufälliger Natur sind und nimmt verschiedene Texstellen akribisch in Angriff, um herauszufinden, welche Fassung wohl die ursprünglichere ist.


Nehmen wir uns zunächst einmal die Logia 65 und 66 vor. Sie handeln vom Gleichnis mit den üblen Landarbeitern auf dem Weinberg und den von den Bauleuten verworfenen Eckstein, einem Motiv, von dem im Frühchristentum offensichtlich rege Gebrauch gemacht wurde, denn neben Thomas und den Synoptikern wird auch in Apg 4: 11, Eph 2: 20 und 1 Petr 2: 6-7 der Eckstein als Sinnbild für den von den Juden verstoßenen Jesus erwähnt.


Er sagte: „Ein gütiger Mann hatte einen Weinberg. Er gab ihn Landarbeitern, damit sie ihn bearbeiteten und damit er seine Frucht von ihnen erhalte. Er schickte seinen Diener, damit die Landarbeiter ihm die Ernte seines Weinberges gäben. Sie ergriffen seinen Diener, schlugen ihn; beinahe hätten sie ihn getötet. Der Diener ging; er sagte es seinem Herrn. Sein Herr sagte: `Vielleicht haben sie ihn nicht erkannt.` Er schickte einen anderen Diener. Die Landarbeiter aber schlugen (auch) den anderen. Darauf schickte der Herr seinen Sohn. Er sagte: ,Vielleicht werden sie sich vor meinem Sohn scheuen. Jene Landarbeiter, da sie wußten, daß er der Erbe des Weinbergs war, ergriffen sie ihn, sie töteten ihn. Wer Ohren hat, möge hören.“ (Logion 65)

Jesus sagte: „Zeig mir den Stein, diesen, den die Bauleute verworfen haben! Er ist der Eckstein.“ (Logion 66)

Zu beachten ist insbesondere, daß beide Logia nicht das geringste miteinander zu tun haben. Während im Logion 65 nirgends von einem Stein oder Eckstein die Rede ist, hat Logion 66 weder mit einem Weinberg, noch mit einem Winzer oder Landarbeitern zu schaffen. Für das Thomasevangelium ist das keineswegs ungewöhnlich, sondern vielmehr die Regel, da die Reihenfolge der Logia offenbar willkürlich zustande gekommen ist.


Zudem liefert der Schlußsatz des Logion 65 einen weiteren Beleg, daß wir es mit zwei völlig voneinander unabhängigen Logia zu tun haben, denn eben diese Wendung „Wer Ohren hat, möge hören!“ wird im Thomasevangelium mehrfach gebraucht, um ein Logion abzuschließen. Dies gilt für die Logia 8, 21, 63, 65 und 96, allein im Logion 24 tritt dieser Satz einmal in der Mitte auf.


Schließlich sei noch erwähnt, daß es sich beim Logion 66 um ein Zitat aus Ps 118:22 handelt und daß der gesamte Psalm 118 nirgends die geringste Beziehung zu Logion 65 erkennen läßt. .


Schauen wir uns nun die entsprechenden Texstellen bei Markus an:


Und er begann zu ihnen in Gleichnissen zu reden. (Er sagte:) "Ein Mann legte einen Weinberg an. Er umgab ihn mit einem Zaun, grub eine Kelter und baute einen Turm. Dann verpachtete er ihn an Winzer und ging außer Landes. Als es Zeit war, schickte er einen Knecht zu den Winzern, um von ihnen seinen Anteil am Ertrag des Weinbergs zu holen. Sie aber ergriffen ihn, schlugen ihn und jagten ihn mit leeren Händen davon. Darauf schickte er einen zweiten Knecht zu ihnen. Aber auch den mißhandelten und beschimpften sie. Er schickte noch einen dritten, - den töteten sie -, und so noch viele andere, die sie teils schlugen, teils töteten. Nun hatte er noch einen einzigen, geliebten Sohn. Den sandte er zuletzt zu ihnen. Er dachte nämlich: `Vor meinem Sohn werden sie Scheu haben.` Allein die Winzer sagten zueinander: `Das ist der Erbe. Auf, laßt uns ihn töten, dann wird sein Erbgut uns gehören!` Sie ergriffen ihn also, töteten ihn und warfen ihn aus dem Weinberg hinaus. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Kommen wird er, die Winzer umbringen und den Weinberg andern geben. Habt ihr nicht diese Schriftstelle gelesen: `Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden: das ist das Werk des Herrn, als ein Wunder steht es vor unseren Augen?` Sie hätten ihn gern festgenommen, fürchteten aber das Volk. Sie hatten nämlich gemerkt, daß er mit Blick auf sie das Gleichnis erzählt hatte. Sie verließen ihn und gingen davon.“ ( (Mk 12: 1 – 12)


Als erstes fällt auf, daß die Fassung von Markus sehr viel länger ausgefallen ist, offenbar wurde das Gleichnis in Anlehnung an Jesaja 5: 1-7, wo ebenfalls von einem Weinberg die Rede ist, ausgeschmückt. Zudem wurde der Spruch vom Eckstein in den Gesamttext eingebettet, so daß der Eindruck entsteht, es handele sich um einen einzelnen Text.

Die große Nähe beider Texte zueinander ist zweifellos unbestreitbar - doch wer hat nun bei wem abgeschrieben?


Diese Frage ist von großer Bedeutung, zumal die Mehrheit der Theologen heute der Meinung ist, daß das Markusevangelium das älteste ist und die Evangelien nach Matthäus und Lukas von ihm abgeleitet sind. Folglich würde der Nachweis, daß Markus von Thomas, bzw. der Autor des Markusevangeliums vom Thomasevangelium Gebrauch machte, nicht nur die Autorität der Kirche erschüttern, sondern auch die Forschung in ihrem Lauf maßgeblich beeinflussen!


Nun möge der Leser selbst urteilen: Welche Variante erscheint ursprünglicher? Ohne Zweifel ist der Text bei Thomas nicht nur sehr viel kürzer, sondern auch direkter und schmuckloser, was möglicherweise auf eine große Nähe zu einer frühen oralen Tradierung hinweist. Außerdem läßt sich nicht erkennen, daß Thomas irgendwo irgendwelche Elemente von Markus übernahm. Insbesondere würde es aber überhaupt keinen Sinn machen, das Zitat aus Ps 118 aus seiner Vorlage bei Markus herauszulösen und als weiteres, unabhängiges Logion anzufügen!


Umgekehrt läßt sich der Sachverhalt indes sehr viel leichter erklären: Markus schaute sich das Gleichnis in Logion 65 an, schmückte es mit Anleihen aus Jesaja 5 aus und entdeckte dann Logion 66, um es ebenfalls in seinen Text einzuarbeiten, da es ihm für seine Zwecke anschaulich und damit nützlich erschien!



3. Thomas 13 und das Messiasbekenntnis


Ein Apostel scheute den Vergleich


DAVIES behandelt in seiner Arbeit noch weitere Beispiele, von denen eines als besonders bedeutend und eindrucksvoll hervorgehoben werden kann und darum auch an dieser Stelle ausführlich behandelt werden soll: Logion 13. Denn gerade dieses Logion erweist sich nicht nur als besonders anschauliches Beispiel, wie Markus Thomas weiterverarbeitete, sondern darüber hinaus auch noch als äußerst wichtiger Hinweis für die Geschichte des Urchristentums überhaupt. Sehen wir uns dieses Logion einmal genauer an:


Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Vergleicht mich, sagt mir, wem ich gleiche.“ Simon Petrus sagte zu ihm: „Du gleichst einem gerechten Engel.“ Matthäus sagte zu ihm: „Du gleichst einem Menschen, (der) ein verständiger Philosoph (ist).“ Thomas sagte zu ihm: „Meister, auf keinen Fall wird es mein Mund ertragen (können), daß ich sage, wem du gleichst!“ Jesus sagte: „Ich bin nicht dein Meister, da du getrunken hast (und) trunken geworden bist von der sprudelnden Quelle, die ich (zu-)gemessen habe.“ Und er nahm ihn, er zog sich zurück (und) sagte ihm drei Worte. Als Thomas aber zu seinen Gefährten kam, fragten sie ihn: „Was hat Jesus dir gesagt?“ Es sagte Thomas zu ihnen: „Wenn ich euch eines von den Worten sage, die er mir gesagt hat, (dann) werdet ihr Steine aufheben und nach mir werfen; und Feuer wird aus den Steinen kommen und euch verbrennen.“ (Logion 13)

Auch bei Markus befragt Jesus seine Schüler, allerdings nicht direkt, wie folgendes Zitat zeigt:


Jesus zog mit seinen Jüngern weiter in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Unterwegs fragte er die Jünger: "Für wen halten mich die Leute?" Sie antworteten ihm: "Für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen der Propheten." Da fragte er sie: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Petrus gab ihm zur Antwort: "Du bist der Messias!" Da schärfte er ihnen ein, mit niemand über ihn zu sprechen.


Nun fing er an, sie zu belehren, der Menschensohn müsse viel leiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen und getötet werden, nach drei Tagen aber auferstehen. Er sagte das ganz offen. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorhaltungen. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und tadelte Petrus mit den Worten: "Weg von mir, Satan! Du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen." (Mk 8: 27 – 33)


Es fällt auf, daß Markus diese Begebenheit auffällig direkt und schmucklos erzählt, seine Fassung ist diesmal durchaus nicht weitschweifiger als die des Thomasevangeliums. Meiner Ansicht nach stellt aber der Umstand, daß Jesus seine Jünger nach den Ansichten anderer befragt, ein deutlicher Hinweis dar, daß sich dieses Textstelle auf die Aussagen anderer Texte bezieht, womöglich könnte das Thomasevangelium gemeint sein. Zudem stellt die Auffordung an die Jünger, nicht über ihn (Jesus) zu sprechen, als sogenanntes „Messiasgeheimnis“ ein typisch markinisches Element dar.


Sicherlich ist hier auch nicht von einer direkten Abhängigkeit zwischen beiden Evangelien zu sprechen, zumindest soweit damit die Verwendung wörtlicher Zitate gemeint ist. Gleichwohl erkannte DAVIES eine ganze Reihe verblüffender Übereinstimmungen:



1. Jesus fragt seine Apostel über sich selbst

2. Zunächst erhält er unrichtige Antworten

3. Eine vermeintlich richtige Antwort wird gegeben

4. Ein Vertraulichkeitsmotiv wird dargestellt

5. Jesus erteilt eine richtige Weisung

6. Einer oder mehrere Schüler werden verdammt


Für DAVIES ist es unvorstellbar, daß die genannten Übereinstimmungen auf einen Zufall beruhen. Somit müssen doch beide voneinander, oder aber von einer dritten Version abstammen. Allerdings glaubt DAVIES nicht, daß Thomas hier auf Markus zugegriffen haben könnte, denn dafür gebe es keine Hinweise. Mehr noch, die Varianten bei Matthäus und Lukas zeigen, wie ein solcher Text aussehen könnte: Die auffallend harsche Kritik an Petrus, wieder ein typisch markinisches Element, wird dort erheblich abgeschwächt und in ein Lob umgemünzt.


Ein deutlicher Hinweis auf Markus ist auch die Vorhersage Jesu auf seine Passion und Auferstehung, dennoch, so DAVIES, entspreche das Schema genau dem von Thomas, wo andererseits nicht die geringsten Hinweise auf einen markinischen Einfluß vorliegen.


Andererseits birgt die Textstelle bei Markus auch einige Ungereimtheiten, die vielen Theologen bis auf den heutigen Tag unverständlich erscheinen. Und genau hier setzt DAVIES mit seiner eindrucksvollen Analyse an, die schließlich in den verblüffenden Erklärung mündet, daß Markus offenbar Thomas zu parodieren sucht!


Bei der genannten Ungereimtheit handelt es sich um die (angebliche!) Behauptung, Jesus sei Johannes der Täufer. Diese These erscheint auf den ersten Blick mehr als absurd, da sie offenbar selbst den elementarsten Gesetzen der Logik widerspricht und somit eigentlich nicht ganz ernst gemeint sein kann. Was hat dieser offensichtliche Unsinn aber dann zu bedeuten?


DAVIES zeigt auf, daß Markus hier nur einen Gedanken aus dem Thomasevangelium konsequent zu Ende denkt, um sie vor dem Leser ad absurdum zu führen. Der Gedanke nämlich, daß Thomas durch das Trinken vom Munde Jesu diesem gleich geworden sei, welcher sich nicht nur im Logion 13, sondern auch im Logion 108 wiederfindet:


Jesus sagte: „Wer von meinem Mund trinken wird, wird werden wie ich; ich selbst werde er werden, und die verborgenen Dinge werden sich ihm offenbaren.“ (Logion 108)

Markus macht sich offenbar lustig über diesen Gedanken und führt ihn ad absurdum, indem er ihn weiterspinnt und zur (scheinbar grotesken) Annahme gelangt, daß Jesus, der ja einst Anhänger von Johannes dem Täufer war, nun auch mit diesem identisch sein müßte.


Markus legt diese Behauptung auch nicht seinen Aposteln selber in den Mund sondern Unbekannten aus der Gegend um Cäsarea Philipi. Vielleicht ein Hinweis auf den Ursprung der ersten Thomas-Gemeinden? Auszuschließen ist das nicht, insbesondere dann nicht, wenn man davon ausgeht, daß es einst eine aramäische Vorlage des Thomasevangeliums gab und diese in Syrien, also ganz in der näheren Umgebung entstanden sein soll, was in der Literatur tatsächlich auch wiederholt behauptet wird.


Weiterhin paßt zu unserer These, daß bei Markus auch von Elija bzw. einem anderen der Propheten die Rede ist. Elija wird auch an anderer Stelle des NT gelegentlich mit Johannes dem Täufer gleichgesetzt und beide wiederum gelten als Propheten. Als Prophet kann aber auch der Engel aus Logion 13 angesehen werden, denn das griechische Wort bedeutet eigentlich ebenfalls nichts anderes als Bote.


Somit sprechen tatsächlich kaum noch weg zu diskutierende Argumente dafür, daß Markus sich dieses Thomas-Logion vornahm, um es zu parodieren und zu widerlegen. Völlig zu Recht hält DAVIES nämlich auch fest, daß es sich beim Logion 13 in der Tat um ein Zitat mit erheblicher Bedeutung handelt:


„Number 13 is the most important single passage in the Gospel of Thomas because it justifies the authority of the purported author of the text, authorizes the secret sayings the text purportedly conveys, offers a means by which one might attain to the excellence Thomas has attained, and specifically rejects two early and widely held alternative views of Jesus. Quite a lot for a few lines!“xxii

Somit hätte Markus auch allen Grund gehabt, sich eben dieses Zitat seines theologischen Rivalen vorzunehmen, um dessen Zentralaussagen von Grund auf zu widerlegen. Zugleich liefert er damit aber auch ungewollt den Beweis, daß Thomas vor ihm da war und nicht umgekehrt.




4. Eschatologische Anschauungen bei Thomas, Lukas - und Paulus!


Vom Ende der Endzeiterwartungen



Wenn die bisherigen Ergebnisse unserer Untersuchung, wonach das Thomasevangelium sehr früh zu datieren ist, zutreffen, stellt sich automatisch die Frage, ob hiervon nicht auch an anderer Stelle im NT Spuren zu finden sind. Eben dieser Frage wollen wir in den folgenden Kapiteln weiter nachgehen und nehmen uns zunächst die eschatologischen Ansichten bei Thomas vor.


Tatsächlich handelt es sich um ein potentiell besonders fruchtbares Beispiel, denn die These, wonach die Parusie bereits stattgefunden habe, läßt sich ohne weiteres als eine der wichtigsten Zentralaussagen des Thomasevangeliums überhaupt ansehen. So äußert sich bereits das 3. Logion völlig unmißverständlich zur Endzeiterwartung:


Jesus sagte: ,,Wenn jene, die euch (ver)führen, zu euch sagen: ,Siehe, das Königreich ist im Himmel`, (so) werden euch die Vögel des Himmels zuvorkommen. Sagen sie zu euch: ,Es ist im Meer`, (so) werden euch die Fische zuvorkommen. Aber das Königreich ist innerhalb von euch und außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennt, dann werdet ihr erkannt werden; und ihr werdet wissen, daß ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Wenn ihr euch aber nicht erkennt, seid ihr in Armut, und ihr seid die Armut.“ (Logion 3)

Daß es sich hierbei um eine zentrale These des Thomasevangeliums handelt, belegen auf auch die Logia 51 und 113, wo diese Haltung nochmals bestärkt wird:


Seine Jünger sagten zu ihm: „An welchem Tag wird die Ruhe der Toten eintreten? Und an welchem Tag wird die neue Welt kommen?“ Er sagte zu ihnen: „Jene (die Ruhe), nach der ihr Ausschau haltet, ist (bereits) gekommen, aber ihr erkennt sie nicht.“ (Logion 51)

Seine Jünger sagten zu ihm: „Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?“ (Jesus sagte): „Es wird nicht kommen, wenn man Auschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: ,Siehe hier oder siehe dort`, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“ (Logion 113)


Geht man nun von einer frühen Datierung des Thomasevangeliums aus, so liegt die Vermutung nahe, daß auch in den kanonischen Schriften des NT Spuren hiervon zu finden sein könnten. Schließlich war diese Aussage für das Urchristentum von großer Bedeutung und es erscheint immerhin denkbar, daß die Autoren des NT in ihren Schriften darauf eingingen. Tatsächlich werden wir auch schon im Lukasevangelium fündig:


„Die Pharisäer fragten ihn, wann das Reich Gottes komme. Er antwortete ihnen: ´Das Reich Gottes kommt nicht in sichtbarer Weise. Man kann auch nicht sagen: `Hier ist es!` oder: `dort!` Denn seht, das Reich Gottes ist unter euch.´" (Lk 17: 20 – 21)


Diese Textstelle ist dem Logion 113 so ähnlich, daß eine Verwandtschaft kaum zu leugnen ist. Allerdings wiederholt Thomas hier lediglich die gemachte Feststellung aus Logion 3 und drückt sich hier nur anders aus, während Lukas im Anschluß eine ganze Passage folgen läßt, die ganz offensichtlich im Widerspruch zum zuvor gesagten steht:


Zu seinen Jüngern aber sagte er: "Es werden Tage kommen, da ihr gern nur einen von den Tagen des Menschensohnes erleben möchtet, aber ihr werdet ihn nicht erleben. Man wird zu euch sagen: `Hier ist er!`, `dort ist er!` Geht nicht hin und lauft ihnen nicht hinterher! Denn wie der Blitzstrahl von einem Ende des Himmels bis zum anderen leuchtet, so wird es mit dem Menschensohn sein an seinem Tag. Zuvor aber muß er noch vieles leiden und von diesem Geschlecht verworfen werden.

Wie es zuging in den Tagen Noachs, so wird es auch sein in den Tagen des Menschensohnes: Sie aßen und tranken, heirateten und ließen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging. Da kam die Flut und vertilgte alle.Ebenso war es in den Tagen Lots: Sie aßen und tranken, kauften und verkauften, pflanzten und bauten. An dem Tag aber, da Lot aus Sodom wegging, regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und vertilgte alle. Geradeso wird es sein an dem Tag, da der Menschensohn sich offenbart. Wer an jenem Tag auf dem Dach ist und seine Sachen noch im Haus hat, steige nicht hinab, sie zu holen. Wer auf dem Feld ist, kehre gleichfalls nicht zurück.

Denkt an Lots Frau! Wer sein Leben zu erhalten sucht, wird es verlieren; wer es verliert, wird es erhalten. Ich sage euch: In jener Nacht werden zwei auf einem Lager ruhen: der eine wird mitgenommen, der andere zurückgelassen werden. Zwei Frauen werden an einer Mühle mahlen: die eine wird aufgenommen, die andere zurückgelassen werden. [Zwei werden auf dem Feld sein: der eine wird genommen, der andere zurückgelassen werden.“] Sie fragten ihn: "Wo denn, Herr?" Da sagte er ihnen: "Wo ein Aas ist, da sammeln sich auch die Geier." (Lk 17: 22 -37)


Hierbei handelt es sich um eine sogenannte Parusierede, wie sie in ganz ähnlicher Form auch bei den anderen Synoptikern auftaucht. Aber während diese Reden bei Markus und Matthäus durchaus die generelle eschatologische Haltung widergeben, wird der Leser bei Lukas mit einem heftigen Widerspruch konfrontiert. War nicht eben noch die Rede davon, daß das Reich bereits da sei?


Tatsächlich tun sich viele Theologen bis heute schwer mit diesem Widerspruch, suchen die Erklärung zum Teil darin, daß Jesus nur sagen wollte, daß man die Parusie nicht exakt vorhersagen könne.xxiii ERLEMANN sieht Jesus als „Promoter“ des Reiches Gottes, in seiner Gegenwart gewinne das „Reich Gottes Gestalt“. Die Zeit nach Jesus sei dagegen die Zeit des Wartens auf die Wiederkunft des Menschensohnes“.xxiv Auch GOPPELT erkennt, daß wir hier vor einem echten Problem stehen: „Wie kann das Reich gegenwärtig und zukünftig zugleich kommen und doch gerade nicht durch den Anspruch des Gesetzes schon gegenwärtig sein?“xxv Allerdings ist die Authentizität von Lk 17: 20 für GOPPELT kaum umstritten, weshalb er die Frage philologisch zu klären sucht. Allein, auch dies bringt ihn nicht weiter, der Text sei eindeutig.xxvi Wie also wird das Problem bei ihm dann gelöst? Im Prinzip gar nicht, statt dessen weicht er aus auf die Eschatologie in Mt 11, bis man Lk 17: 20 ganz aus den Augen verloren hat. Erst viel später greift er das Problem nochmals auf, allerdings in ganz anderem Zusammenhang, um es dann aber auch nicht wirklich zu lösen oder auch nur ernsthaft in Angriff zu nehmen.xxvii


Aber ist der Widerspruch vielleicht nicht schon Lukas selbst aufgefallen? Es hat tatsächlich den Anschein, daß der Verfasser hier selbst stark verunsichert wurde und nun verzweifelt bemüht ist, den Widerspruch doch noch irgendwie aufzulösen. So wird in Lk 17: 23 gleich wieder das in 17: 22 gesagte wiederholt, um es zugleich in Frage zu stellen. In Lk 17: 34 finden sich zudem wiederum Anklänge an das Logion 61, was womöglich als Hinweis zu werten ist, daß der Autor auch im Thomasevangelium nach einer Bestätigung für die eigenen Anschauung suchte.


Bei genauerem Hinsehen stellt sich zudem heraus, daß sich gerade in den Paulusbriefen, die von den meisten Theologen zumindest zum Teil als älteste Schriften des NT überhaupt angesehen werdenxxviii, mehrere Hinweise finden, daß Paulus mit einer Anschauung, wie sie im Thomasevangelium vertreten wird, durchaus vertraut war. Mehr noch, es läßt sich zweifelsfrei nachweisen, daß sich die Paulusbriefe mit dieser Anschauung intensiv auseinandersetzten und sie leidenschaftlich bekämpften, ja, daß diese Auseinandersetzung im Grunde die gesamten Paulinen durchzieht!


So heißt es schon im 1. Korintherbrief:


„Ihr seid schon satt? Ihr seid schon reich? Ihr seid auch ohne uns zur Herrschaft gelangt? Ja, wäret ihr nur zur Herrschaft gelangt, dann könnten auch wir mit euch herrschen!“ (1 Kor 4: 8)


Offenbar eifert der Autor hier gegen Opponenten, die der Meinung sind, sie hätten bereits die Herrschaft erlangt. In einem ganz ähnlichen Wortlaut findet sich aber auch ein Logion bei Thomas wieder:


Jesus sagte: „Der Suchende soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet. Und wenn er findet, wird er in Erschütterung geraten; und (wenn) er erschüttert ist, wird er in Verwunderung geraten, und er wird König über das All werden [d.h. herrschen, N.E.].“ (Logion 2)

Schon der Interrogativ in 1 Kor 4:8 weist darauf hin, daß Paulus bzw. der Autor auf die Thesen anderer hinweist. Damit könnte das Thomasevangelium gemeint sein, vielleicht aber auch das verloren gegangene Hebräerevangelium, denn manche Kirchenväter behaupten, der Wortlaut des Logion 2 finde sich auch dort wieder. Allerdings wird ja in Logion 2 gar nicht behauptet, die Parusie sei bereits gekommen und damit wohl auch nicht im Hebräerevangelium! Es ist ja der 1. Korintherbrief, der Logion 2 mit der Ansicht einer vorgezogenen Parusie verknüpft und somit den Gedanken selbst zu Ende denkt!


Zudem finden sich aber auch in 2 Thess 2: 2-3 und 2 Tim 2:18 Hinweise, die stark an die Logia 51 und 113 bei Thomas erinnern, was es immer wahrscheinlicher erscheinen läßt, daß dieses auch gemeint ist!


Ob die Paulusbriefe nun nur zum Teil echt sind, wie die meisten Theologen behaupten, oder ob gar alle gefälscht sind, wie von manchen Radikalkritikern vertreten wird, spielt für unsere Überlegungen indes keine Rolle. So oder so sollte offensichtlich der Eindruck vermittelt werden, daß Paulus zu Lebzeiten an die nah bevorstehende Parusie glaubte und sich damit bereits im Widerspruch zu gewissen Zeitgenossen befand. Zugleich finden sich in den Briefen aber deutliche Hinweise, daß mit eben jenen Zeitgenossen ausdrücklich Leute gemeint waren, die sich mit dem Thomasevangelium in Verbindung bringen lassen!




5. Thomas und Johannes


Geistesverwandte unter sich



Zu den Besonderheiten des Thomasevangeliums gehört auch die Tatsache, daß es – trotz seiner offensichtlichen Nähe zu den synoptischen Evangelien – auch mit dem ansonsten so allein dastehenden Johannesevangelium eine Fülle von Gemeinsamkeiten teilt. So tauchen eine Menge von Begriffen, Motiven und Gedanken sowohl bei Johannes als auch bei Thomas auf, nicht jedoch bei Markus, Matthäus und Lukas. Aus diesem Grunde versteht es sich auch von selbst, daß unsere Untersuchung ohne eine nähere Betrachtung des sogenannten 4. Evangeliums unvollständig wäre.


Wo aber liegen nun die vielen Gemeinsamkeiten?


Um es kurz zu machen: Es handelt sich gerade um all jene Dinge, die das Johannesevangelium so einzigartig erscheinen läßt, und weshalb es immer wieder in die Nähe der griechischen Philosophie, gemeint sind Platon und die Stoa, sowie der Gnosis gerückt wird. Um den Logosbegriff, den ausgeprägten Dualismus und die bereits verwirklichte Gottesherrschaft auf Erden (auf die wir in Sachen Thomas ja bereits ausführlich eingegangen sind).


Die Verwandtschaft von Thomas und Johannes in dieser Hinsicht ist in der Tat so offenkundig, daß sie niemand bestreitet und hier nicht nochmals ausgeführt werden muß. Ohnehin interessiert uns ja auch vielmehr die Frage, welches der beiden Evangelien zuerst verfaßt wurde. Und da erweist es sich, daß, zumindest was diesen Themenkomplex angeht, eine nähere Forschung nur wenig hergibt. Wir können eben nur annehmen, daß die Nähe beider Evangelien zueinander auf einen gemeinsamen Ursprungsort hinweisen könnte, vielleicht läßt sich auch auf ein gemeinsames Milieu schließen, sicher ist dies alles jedoch nicht.


Zudem spielt Thomas als Apostel Jesu aber auch nur bei Johannes größere Rolle.


Denn während die drei synoptischen Evangelien und die Apostelgeschichte praktisch nichts über den Apostel Thomas zu berichten haben und ihn lediglich in der Liste der zwölf Apostel aufführen, liefert allein das Johannesevangelium ein wenig mehr über diese Gestalt des Urchristentums. Insbesondere hat die Legende vom „zweifelnden“ oder gar „ungläubigen“ Thomas aus Joh 20, der erst an die Auferstehung glauben mochte, nachdem er den Wiederauferstandenen anfassen durfte, unser Bild von Thomas nachhaltig geprägt und beeinflußt.


Zumindest aus heutiger Sicht müßte uns diese Legende dabei doch eigentlich absurd und abwegig erscheinen, tat der Apostel doch im Grunde nur das, was man in moderner Zeit ganz selbstverständlich von jedem Wissenschaftlicher erwartet: Er fragte nach einem Beweis für eine These, nämlich die an sich doch schwer zu glaubende Behauptung, daß Jesus wirklich auferstanden ist!


Daß solche Zweifel im Frühchristentum durchaus nicht ungewöhnlich waren, belegt auch 1 Kor 15, wo Paulus seine Anhänger auf die Kirchenlinie einzuschwören sucht. Ob diese Worte wirklich von Paulus stammen, oder später eingeschoben wurden, wie von manchen heutigen Forschern behauptet, soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Zweifellos ging es bei diesen Zurechtweisungen nicht zuletzt auch um die Disziplinierung der frühchristlichen Kirchenmitglieder, die einfach nur glauben und keine bohrenden Fragen stellen sollten, so wie es auch der Kirchenvater Tertullian verlangte.xxix


Es spricht allerdings einiges dafür, daß die Verfasser des 4. Evangeliums mit dieser Textpassage noch etwas ganz anderes im Schilde führten und die Rolle des Zweiflers nicht ohne Grund ausgerechnet Thomas zugewiesen wurde, obwohl dieser, wie ja schon erwähnt, von den anderen Evangelien kaum beachtet wird. Was aber erfahren wir im Johannesevangelium sonst noch über Thomas?


Zunächst fällt auf, daß der Apostel mit dem aramäischen Namen Thomas („Zwilling“) bei Johannes den Beinamen Didymus erhält, was nichts anderes als eine griechische Übersetzung darstellt. Genau diese Bezeichnung findet sich aber auch im Prolog des Thomasevangeliums:


„Dies sind die geheimen Worte, die der lebendige Jesus sagte; Didymos Judas Thomas hat sie aufgeschrieben.“

Mehr noch, auch der Name Judas, der möglicherweise der eigentliche Name des Apostels war, findet sich ebenfalls im Johannesevangelium wieder, nämlich unter Joh 14: 22:


„Da fragte ihn Judas, nicht der Iskariot: ´Herr, wie kommt es denn, daß du dich nur uns offenbaren willst und nicht der Welt?´“


Daß hiermit höchstwahrscheinlich Judas Thomas, der Namensgeber des Thomasevangeliums, gemeint sein könnte, dafür spricht auch eine syrische Fassung des Johannesevangeliums, wo auch ausdrücklich von Judas Thomas die Rede ist. Fast scheint es so, daß der Verfasser des Johannesevangeliums seine griechischen Leser, die zuvor nur mit den Synoptikern vertraut waren, darauf aufmerksam machen wollte, daß Judas der eigentliche Name ist und Thomas nur der Beiname.


Auch MIRKOVIC fällt auf, daß Johannes immerhin sieben Mal auf Thomas zu sprechen kommt, während er bei den Synoptikern immer nur in der Aufzählung der zwölf Apostel erwähnt wird. Er widmete der Beziehung zwischen Thomas und Johannes einen längeren Beitragxxx, von dem wir hier auf die wichtigsten Thesen und Argumente eingehen wollen. Dabei beginnen wir gleich mit dem ersten Logion des Thomasevangeliums:


Und er sagte: „Wer die Erklärung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.“ (Logion 1)

Dieses erste Logion des Thomasevageliums findet seinen Widerhall in Johannes 8:


„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn jemand mein Wort bewahrt [hält], wird er den Tod in Ewigkeit nicht schauen. Da sagten die Juden zu ihm: "Nun erkennen wir, daß du von einem Dämon besessen bist. Abraham ist gestorben und die Propheten, und du sagst: Wenn jemand mein Wort bewahrt, wird er den Tod nicht kosten in Ewigkeit.“ (Joh 8:51-52)


Auch bei den Synoptikern finden sich ähnliche Zitate, so etwa in Lk 2: 26 und Lk 9: 27, wenngleich die Verwandtschaft zwischen Thomas und Johannes deutlicher hervorsticht. Ebenso sichtbar tritt aber auch der wesentliche Unterschied zwischen beiden Texten hevor. Während Thomas von seinen Anhängern Verstehen erwartet und ihnen hierfür die Erlösung vom Tod verspricht, verlangt Jesus bei Johannes für das gleiche nichts anderes als Gehorsam.


Wenngleich MIRKOVIC selbst nicht näher auf dieses Beispiel eingeht, so liegt doch jetzt bereits nahe, daß die Version von Thomas die ältere ist. Sie scheint auf eine besonders frühe Phase des Urchristentums hinzudeuten, in der es nur einen kleinen aber sehr engagierten Kern von Anhängern gab, den es durch Überzeugungsarbeit zu erweitern galt. Bei Johannes deutet dagegen alles darauf hin, daß sich die Urkirche bereits zu einer straff geführten Massenorganisation gewandelt hatte, in der es auf hierarchische Strukturen und Gehorsam ankam. Insofern erinnert das Johannesevangelium wieder einmal stark an die Haltung von Tertullian aus dem 2. Jahrhundert, der von eigenständigem Denken bei seinen Anhängern nichts wissen wollte.


Des weiteren fällt MIRKOVIC auf, daß nur bei Thomas und Johannes von Gott als dem „lebendigen Vater“ die Rede ist (Logion 3 und Joh 6: 57), und in Joh 7: 34 trifft er auf ein Zitat, das er als „most comprehensive agreement“ überhaupt bezeichnet:


„Ihr werdet mich suchen, aber nicht finden, und wo ich dann bin, dahin könnt ihr nicht kommen." (Joh 7: 34)


Bei Thomas heißt es ganz ähnlich:


Jesus sagte: „Oftmals habt ihr gewünscht, diese Worte zu hören, diese, die ich euch sage, und ihr habt niemanden sonst, um sie von ihm zu hören. Es werden Tage kommen, wo ihr mich suchen und nicht finden werdet.“ (Logion 38)

In Joh 7: 33 erklärt Jesus zuvor noch, zu dem zurückzukehren, der ihn gesandt habe. Dennoch läßt Johannes die Juden verwundert zurück:


„Da sagten die Juden zueinander: "Wohin will der denn gehen, daß wir ihn nicht finden sollten? Will er etwa in die Diaspora unter die Griechen gehen und die Griechen belehren? Was soll das heißen, wenn er sagt: Ihr werdet mich suchen, aber nicht finden, und: Wo ich dann bin, dahin könnt ihr nicht kommen?"


Sind es hier wirklich die Juden, die nicht verstehen oder läßt der Verfasser hier nicht auch seine eigene Verunsicherung erkennen? Will er hier gar ausdrücken, daß er selbst Probleme hat, das Logion 38 zu verstehen? Das läßt sich heute wohl nicht mehr feststellen.


Nach mehreren weiteren Beispielen kommt MIRKOVIC zu dem Schluß, daß das Thomasevangelium irgendwann zwischen Q (ca. 50) und dem Johannesevangelium (ca. 90) entstanden sein muß. Insbesondere sei das 4. Evangelium auf der „Flugbahn“ zum „Gnostizismus“ schon weiter vorangekommen.


Dies läßt sich schon daran erkennen, daß wir bei Johannes auf eben dieselben ermüdenden Dialoge treffen, die eigentlich Monologe sind und so kennzeichnend für gnostische Texte aus dem zweiten Jahrhundert und danach. Demgegenüber läßt sich das Thomasevangelium als Spruchevangelium bezeichnen, und als solches steht es mit Sicherheit der viel älteren jüdischen Weisheitstradition näher als das Johannesevangelium.


Alles in allem ist die Beziehung zwischen Thomas und Johannes ohne Zweifel schwieriger zu ergründen als zwischen Thomas und den Synoptikern. Denn trotz der vielen Gemeinsamkeiten gibt es kaum direkte Zitate und es läßt sich kaum klären, welche Variante die ursprünglichere ist. So deutet einiges darauf hin, daß beide aus einem gemeinsamen Fundus schöpften, zudem ist darauf hinzuweisen, daß wohl beide Schriften das Ergebnis einer langen Tradierung darstellen, in welchen sich ältere und jüngere Schichten gegenweitig überlagerten.


Zumindest läßt sich aber resümieren, daß das Thomasevangelium sicherlich nicht nach dem Johannesevangelium entstand, wie viele Theologen es gerne hätten.




Fazit



Alles in allem läßt sich nun festhalten, daß vieles dafür spricht, daß das Thomasevangelium älter ist als das, was wir aus dem Neuen Testament kennen. Fast immer erscheinen die gemeinsamen Zitate bei Thomas ursprünglicher als bei den Synoptikern und auch bei Johannes und in den Paulusbriefen finden sich Hinweise, daß die Autoren dieser Schriften bereits mit dem Thomasevangelium vertraut waren oder zumindest aus einem gemeinsamen Fundus schöpften. Ein weiteres Indiz für das hohe Alter des Thomasevangeliums ist allein schon das Format: Als Spruchevangelium ist es einfach viel weniger elaboriert als die kanonischen Gegenstücke, zudem scheint es damit aus der noch älteren jüdischen Weisheitstradition hervorgegangen zu sein.


Sicher, eine letzte Gewißheit wird es nicht geben, zumindest solange nicht, wie uns keine harten archäologischen Beweise vorliegen. Ohne Zweifel werden sich auch Kritiker finden, die hier und da auf Zitate stoßen, die vielleicht doch auf ein jüngeres Datum hinweisen. Denen aber sei hierzu gesagt: Was wir vom Thomasevangelium vorliegen haben ist nicht mehr oder weniger als eine koptische Übersetzung aus dem 4. Jahrhundert, dazu einige griechische Papyrusfetzen älteren Datums. Es ist ganz klar, daß derartige Texte im Laufe der Zeit aktualisiert werden, auch bei der Übersetzung dürften sich die Schreiber hier und da an kanonischen Vorlagen orientiert haben.


Wenn man dies alles berücksichtigt, dann muß es doch eigentlich noch viel mehr erstaunen, daß sich das Thomasevangelium eine solche Ursprünglichkeit bewahren konnte. Die Ursache hierfür könnte einmal in der Form liegen, die einfach keine auswuchernden Legendenbildungen zuließ, wie wir es bei den Synoptikern so deutlich erkennen können. Zum anderen dürfte paradoxerweise aber auch die Verketzerung des Thomasevangeliums und seine Verbannung in die Giftschränke dazu beigetragen haben, daß diese bedeutende urchristliche Schrift weitestgehend so blieb wie sie war. Und in dieser Gestalt stellt sie zweifellos eine der bedeutendsten Quellen des Christentums überhaupt dar.


Trotzdem setzen gerade hierzulande die meisten Theologen alles daran, das Thomasevangelium erneut in Verruf zu bringen oder im theologischen Niemandsland verschwinden zu lassen. Dabei bedienen sie sich einer Desinformationspolitik, die sich mit den Idealen der Wissenschaft kaum noch in Einklang bringen läßt. Mal werden die Fakten verdreht und bis zur Unkenntlichkeit entstellt, dann wieder hofft man, die unliebsamen Tatsachen einfach totschweigen zu können.


Insofern präsentieren sich diese sogenannten Wissenschaftler im Grunde noch weitaus ungläubiger als der sogenannte Ungläubige Thomas aus dem Johannesevangelium. Sie sind nämlich durchaus imstande, die Fakten zu sehen und zu ertasten, trotzdem wollen sie sie nicht wahrhaben! Statt dessen verschweigen und verschleiern sie die Wahrheit wo es nur geht und wenden sich lieber anderen Fragen zu. Daß sie damit der Wissenschaft keinen Gefallen tun, liegt auf der Hand.



© Nikolaus Ebbinghaus 2004

iÜbersetzung des Thomas-Evangeliums von Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: Die Bibel der Häretiker, die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi, Stuttgart 1997, verwendet wude die Online-Ausgabe unter http://wwwuser.gwdg.de/~rzellwe/nhs/nhs.html.

iiAlle Bibelzitate stammen aus der „Volksbibel“. Näheres hierzu unter http://volksbibel.de/downbot.html.

iiiGoppelt, Leonhart: Theologie des Neuen Testaments, 3. Auflage, Göttingen 1991, S.377.

ivErlemann, Kurt: Endzeiterwartungen im frühen Christentum, Tübingen und Basel 1996, S. 183.

vErlemann, a.a.O., S. 99

viDoughty, Darell J.: Pauline Paradigms and Pauline Authentity, in: JHC 1 (Fall 1994), S. 95-128.

viiMehr Wissenswertes zu Oxyrhynchus findet sich unter http://www.csad.ox.ac.uk/POxy/oxyrhynchus/parsons1.htm.

viiiEine vollständige Liste der NT-Papyri findet sich unter http://www-user.uni-bremen.de/~wie/texte/Papyri-list.html.

ixNäheres zum p52 findet sich unter http://www.kchanson.com/ANCDOCS/greek/johnpap.html.

xGoppelt, a.a.O., S. 325.

xiVgl.: Augstein, Rudolf: Jesus Menschensohn, 2. Auflage, München 2002, S.457.

xiiGoppelt, a.a.O. S. 68-69.

xiiiGemeint sind hiermit, wie gelegentlich auch im folgenden Text, natürlich die Verfasser der beiden Evangelien, die selbstverständlich nicht mit den Aposteln gleichzusetzen sind.

xivAurel, Marc: Selbstbetrachtungen. Übertragen und mit Einleitung von Wilhelm Capelle, 12. Auflage, Stuttgart 1973 S. 53.

xvVgl. Ebbinghaus, Nikolaus: Die Weisheit des Silvanus, Der frühchristliche Lehrer und Denker als Mittler zwischen Judentum und Christentum, 2004, veröffentlicht unter www.radikalkritik.de



xviZu beachten ist, daß diese Elias-Apokalypse nicht gleichzusetzen ist mit der, die in der Einleitung erwähnt wurde. Sie enthält folglich auch nicht das besagte Zitat aus 1 Kor 2: 9 bzw. EvTh 17!

xviiDetering, Hermann: Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht, Düsseldorf 1995 S. 196.

xviiiEine englische Übersetzung dieses Textes findet sich – allerdings ohne nähere Angaben - im Internet unter http://www.zyworld.com/cosmiccreeper/OTpseudigigrapha/apoceli.htm.

xixNach heute allgemein akzeptierter Lesart, dem sogenannten „normative paradigm“ stammen allein die sogenannten 7 echten Paulusbriefe aus der Zeit vor dem Fall des Tempels. Nach Ansicht vieler Radikalkritiker sind dagegen alle Paulusbriefe später verfasst worden, etwa zu Beginn des 2. Jahrhunderts, was sich natürlich auch auf die Datierung des Thomasevangeliums auswirken könnte.

xxhttp://home.epix.net/~miser17/Thomas.html

xxihttp://www.misericordia.edu/users/davies/thomas/tomark2.htm und http://www.misericordia.edu/users/davies/thomas/tomark2.htm

xxiiEbda.

xxiiiVgl. Kommentar zur Volksbibel, a.a.O.

xxivErlemann, a.a.O., S. 98f.

xxvGoppelt, a.a.O., S.101.

xxviGoppelt, a.a.O., S.113f.

xxviiGoppelt, a.a.O., S.623f.

xxviiiMeist werden Röm, 1 und 2 Kor, Phil, Gal, Phm und 1 Thess als authentisch angesehen, während manche Radikalkritiker alle Paulusbriefe für gefälscht halten und hierfür auch ernst zu nehmende Argumente vorbringen. Unabhängig davon sollen aber selbstverständlich alle zumindest den Eindruck erwecken, echt zu sein, weshalb dem Leser eine historische Situation zumindest vorgegaukelt wird.

xxixPaigels, Elaine: Satans Ursprung, dt. Übersetzung der Originalausgabe The Origin of Satan, New York und Toronto 1995, Frankfurt 1998, S. 229.

xxxMirkovic, Alexander: Johannine Sayings in the Gospel of Thomas:The Sayings Traditions in their Environment of First Century Syria, Vanderbilt University 1995, Online-Version veröffentlicht unter http://www.misericordia.edu/users/davies/thomas/johnthom.htm